Kikis Live Reloaded : Leben - Ich komme

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So, jetzt aber. Der versprochene Bericht über meinen Tag gestern. Um kurz nach neun kam ich also in Hamburg an, leicht gerädert von einer nicht ganz so erholsamen Nacht, wobei ich zugeben muss, dass so ein "Ruhesessel" doch durchaus bequemer ist, als die normalen Zugsitze. Als wir langsam nach HH reingerollt sind hatte ich gemischte Gefühle. Während ich da so rausgeguckt hab, hab ich mich irgendwie heimisch gefühlt. Ich hab die Stadt wieder gesehen und gedacht - ja, da will ich wohnen. Ich war also eigentlich zieeemlich happy und hab mich total gefreut, endlich da zu sein und dass es endlich losgehen kann. Nicht nur stupide Planung sondern endlich auch Umsetzung.  Aber ich glaub genau das wars auch, was für dieses gemischte Gefühl gesorgt hat. Irgendwie war mir nämlich auch ziemlich mulmig. Weil eben so viel auf mich zukommt. Und ich natürlich nicht sagen, ob sich das alles so umsetzen lässt, wie geplant. Aber ich bin da optimistisch. Vorallem nach gestern. Aber eins nach dem anderen. Ich kam also am Hbf an und hab mich erstmal mit nem Kaffe und meinem momentanen Buch in die Sonne gesetzt. Ich les grad die "boesen Tagebücher" von Mirja Boes, sooo lustig sag ich euch! Gutes Buch, wenn man einfach mal abschalten und sich beömeln will..Um kurz vor elf kam dann T., bei der ich ja jetzt bleiben kann bis Sonntag(rieeesen Dankeschön dafür!!). Sind dann zu ihrer Wohnung gefahren und hab dann erstmal ne Führung durch die Wohnung bekommen. Anschließend haben wir uns einen Kaffe bei Double Coffee gegönnt, ich für meinen teil einen super leckeren Ice Vanilla Macchiato(wie zum Henker schreibt man das???). Haben ganz lang gequatscht und uns unseres Lebens gefreut Hab sie dann zum Bahnhof gebracht und mich dann an den Jungfernstieg gesetzt, ich sags euch, es gibt keinen schöneren Flecken um mal die Seele baumeln zu lassen. Als ich da saß - wie soll ichs sagen, war ich zum ersten Mal seit langem einfach total zufrieden mit mir, Gott und der Welt. Kurzgesagt ich war einfach quitsch vergnügt :D Und freundlicher Weise kam das sogar bei meinem Teufelchen an. Für die, die mit der Materie nicht so vertraut sind - das Teufelchen ist diese fiese Stimme in meinem Kopf, die die Magersucht verkörpert und meistens ziemlich viel Radau macht, mich nicht essen lässt und mir auch ansonsten meistens einen Strich durch meine Ich-bin-happy-Rechnung macht. Nicht so gestern. Da war die ruhig. War fast schon komisch. Als wär sie garnicht da. Und ich hab die Gunst der Stunde genutzt um mir so n leckeres Ciabbata-Brot-Dings zu kaufen. Hört sich unspektakulär an, ist aber 30cm auf 30cm groß gewesen, lecker mit Oliven und Zwiebeln. Ein Traum aus Teig. Und das hab ich in einer Wahnsinnsgeschwindigkeit runtergeputzt ohne mir auch nur einmal Gedanken drüber zu machen. Und das sogar in der Bahn(!!!!). Kein Gedanke darüber, wieviele Menschen mir jetzt beim Essen zugucken. Ach und Morgens gabs so ein leckeres, noch ganz frisches Franzbrötchen - kennt ihr das? So mit Zimt und so. Auch zum drin baden sag ich euch! Naja auf jeden Fall musste ich in der Bahn essen, weil ich leicht im Streß war, um 17.00 hatte ich nämlich meinen ersten Wohnungsbesichtigungstermin. Ich sags euch, sowas hab ich noch nieeee erlebt. Über 70 Interessenten für EINE!!! Wohnung..Okay, ich gebs zu, soo unglaublich viele Wohnungen hab ich auch noch nicht besichtigt, aber normal ist das nicht, oder? Trotzdem, Kiki bleibt mal optimistisch und ist der festen Überzeugung, dass die mich einfach nehmen MÜSSEN. Wenn man bedenkt, was für merkwürdige Gestalten da sonst noch so waren..Die können garnicht anders! Ich will diese Wohnung. Ok, man müsste noch bissl was machen, zb nen anderen Boden, find ich. Da war nämlich so n PVC-Zeugs drin, das mag ich ja mal garnet. Und streichen müsste man. Aber das sind ja Kleinigkeiten*hrhr* Aber sie ist für die Größe (41m² echt sooo günstig, hat nen Balkon und liegt super praktisch. So etwa 15min mit der U-Bahn vom Hbf..Aber gut, abwarten..Auf dem Weg zurück hat dann mein Handy geklingelt..Und ratet mal, wer angerufen hat?! Eine Therapeutin*freu* Die doch tatsächlich nen Platz für mich hätte. Ich dacht ich fall aus allen Wolken. Okay, das ganze hat nen Haken,ich müsste n leichten Hürdenlauf mit der Krankenkasse veranstalten, aber alles Dinge, die sich regeln lassen. Und deswegen hab ich - tatatata -  am Dienstag mein Erstgespräch bei ihr. Ahhh, das ist sooo cool. Und sie hat soo nett geklungen am Telefon. Ich werd zwar weiter suchen, keine Frage und hab ja nächste Woche auch noch andere Termine, wie zb den bei der Boje und bei der Waage, aber klasse wärs schon, vorallem weil sie meinte, dass das, wenn die KK sich nicht mega quer stellt dann in zwei Monaten klappen könnte. Das wäre einfach genial. Und T. meinte, die Boje und auch die Waage, bieten an, dass man, solange man noch keine Thera hat, ein bis zweimal die Woche bei denen vorbeikommen kann. So als Übergangslösung..Und dann starten die ja auch noch irgendwann eine Anorexiegruppe, wo ich echt gern mitmachen würde..Man, ihr glaubt garnicht, wie toll die Vorstellung ist, vielleicht bald wieder in Therapie zu sein. Ich weiß, für viele Menschen ist das ein rotes Tuch - wars für mich auch mal, aber im Grunde ist es einfach nur genial. Weil die einem helfen können. Weil man sich nicht schämen muss, egal,was man so denkt und sagt und weil man einfach über alles, alles, wirklich alles reden kann. Allein pack ich das nicht, das ist mir klar, aber ich freu mich sogar auch irgendwie drauf. Wirklich, das sag ich nicht nur so. Ich kann auch nur an alle da draußen appellieren, die irgendwelche Probleme haben, ob jetzt Magersucht oder sonst was, geht diesen Schritt. Wirklich. Man muss sich dafür nicht schämen und das ist auch kein Zeichen für Schwäche. Vorallem Magersüchtige tendieren ja oft dazu, zu denken, dass man das alles allein hinbekommt. Aber das ist nicht so. Verdammt. Das ist eine gemeine, fiese, hinterlistige und vorallem verdammt gefährliche Krankheit. Jemand hat mal zu mir gesagt, als Magersüchtige hast du keine Zeit. Und sie hatte Recht. So verdammt Recht. Jeder Tag, an dem man sich selber was vormacht, ist ein weiterer Schritt Richtung Tod. Ja, klingt hart, was? Aber ist einfach nunmal so. Ok, ich mach da bestimmt keine Ausnahme, auch ich hab mir schön eingeredet, dass ich das alleine schaffe, dass ich eigentlich doch garnicht krank bin, dass ich, wenn ich wollte einfach wieder normal essen könnte. Ja schöne Sch*ißen, was für ein Mist. Alles Quatsch. Ich hatte das Glück, Menschen in meinem Leben zu haben, die die Augen nicht zu gemacht haben und mir so dermaßen in meinen Hintern getreten haben, dass ich letztenendes doch Hilfe angenommen hab. Was hab ich mich geschämt am Anfang. Ich hab mich gefragt, was ICH in einer Klinik soll. Ich hab doch einfach nicht so viel gegessen. War nicht dramatisch dünn, gesundheitlich fit und überhaupt hatte ich doch kein Problem. Dass ich Abführmissbrauch aller erster Güte betrieben hab und mich damit fast umgebracht hätte, das hab ich gekonnt ignoriert. Das wars aber im Endeffekt, was mir fast das Genick gebrochen hätte. Ich war doch wirklich der Meinung, die anderen A.-Patienten in der Klinik könnten bestimmt was von mir lernen. Ich war ja schon soviel weiter, bzw garnicht so doll da drin. Pustekuchen. Ich bin ganz schnell auf dem Boden der Tatsachen gelandet. Gut, mein BMI war nicht lebensbedrohlich, aber deutlich im Untergewicht. Meine Blutwerte waren Scheiße, zwischen durch hat mein Herz mal so doll gespackt, dass ich fast hätte ins Krankenhaus müssen und auch ansonsten gings mir körperlich alles andere als gut. Kreislaufprobleme, Bauchschmerzen, und so weiter, und so weiter. Mein Illusionsgebilde ist dort ganz schnell zusammen gebrochen und ich musste feststellen, dass ich, auch wenn ich von uns Magersüchtigen den höchsten BMI hatte, ich vom Kopf her trotzdem einfach so total da drin war. Das war n Schock - keine Frage. Aber erst nachdem ich das verstanden hatte, konnte die Therapie beginnen. Einige Wochen liefs dann auch echt gut, ich hab einige Kilos zugenommen, sodass ich wieder im Normalgewicht war. Aber gegen Ende hin wurde es wieder kritisch. Schließlich hatte ich jetzt wieder ein Gewicht, was früher ABSOLUTES No-Go gewesen wäre. Da kam ich nicht hinterher, absolut nicht. Und dann kam noch die Angst vor "draußen" dazu und es wurde wieder schlechter mitm Essen. Draußen hats dann garnimmer funktioniert. Plötzlich war das ganze Gerüst, der ganze Rahmen der Klinik weg und man sich wieder selbst überlassen. Hinzu kamen zwischenmenschliche Dinge, die geklärt werden mussten und mir sowieso schon wie ein Stein im Magen lagen, wie also noch was essen? Ach komm, ein zwei Kilos runter, ist doch nicht so schlimm, nur mal gucken, ob ichs noch schaff. F*ck sag ich euch. Einmal diese Gedanken zulassen und schwupps - ist man wieder drin. Ich war echt am absoluten Nullpunkt. Tiefpunkt. Das schlimmste daran war vorallem, dass ichs nicht schlimm fand. Immer gesagt hab, ach, wenn ich in HH bin, dann wird das schon alles. Hallooo?!?! Erde an Kiki? Glaubst du, in HH regnet es Weisheit und Erkenntnis oder was??? Ich war also wieder voll in meinem Film und bin es in gewisser Weise mit Sicherheit immernoch. Wieder das Gefühl, viel zu dick zu sein. Wieder das Gefühl, Kontrolle zu haben, wenn man nichts ist. Sich also wieder ständig selbst was vormachen. Und das schlimmste ist dann, wenn es Menschen gibt, die versuchen, einem die Augen zu öffnen, weil sie die Wahrheit sehen, und man dann sogar denen wieder was vormachen will. Ich sags euch, das klappt nicht. Es gibt Menschen, denen kann man einfach nichts vormachen. Wahrscheinlich macht man damit eher was kaputt, als dass man was Gutes tut. Jetzt bin ich also in HH und meilenweit von der von mir erwarteten Spontanheilung entfernt. Da muss ich schon selber lachen, über soviel Blindheit und Naivität. Sorry "Eigenes Ich", aber das war einfach doof. Aber ich muss trotzdem sagen, ich bin einen Schritt weiter. Ich bemüh mich um Therapie. Natürlich war klar, dass ich das machen würde, aber ich habs viel zu lang erfolgreich vor mir hergeschoben. Warum weiß Gott. Keine Ahnung. Pure Dummheit vermutlich. Aber besser spät als nie. Und vorallem seh ich wieder, dass ich es brauche. Ich seh, dass das mit dem Essen so auf Dauer nicht klappt. Und nicht nur das, es gibt ja auch andere Baustellen, an denen ich arbeiten muss. Kann ich alleine nicht und kann ich vorallem nur mit professioneller Hilfe. Wobei ich natürlich trotzdem froh bin, dass meine Mädels(sorry Papa Schlumpf, du bist natürlich auch gemeint*haha*) mich dabei unterstützen. Aber wenn ich wirklich gesund werden will, dann brauch ich richtige Hilfe. Und ich glaub auch das ist der Punkt. Ich bin nicht gesünder als vor ein paar Wochen, aber ich will gesund werden. Das ist der kleine aber feine Unterschied. Und ich weiß, ich hab das schon oft gesagt. Aber ich mein es auch so. Auch wenn vielleicht irgendwann wieder Phasen kommen, indenen ich das doch nicht mehr will. Aber das ist Zukunft und ich will im Hier und Jetzt leben. Und jedes normale Essen ist ein kleiner Schritt in die richtige Richtung, wenngleich das nicht bedeutet, dass es keine Rückschritte gibt. Aber ich werd nicht aufgeben. Verdammt nochmal, ich will mein Leben zurück. Ich hab keine Lust mehr, dass die Krankheit und Menschen aus meiner Vergangenheit mein Leben bestimmen und so viel Einfluss haben. Und vorallem hab ich keine Lust mehr, dass sie mir mein Leben kaputt machen. Und dass ich es mir bereitwillig kaputt machen lass und auch noch dabei helfe. Nein. Mag ich nimmer. Ich hab doch nur dieses eine Leben. Und hey, liebes Leben, eigentlich mag ich dich doch Es liegt verteufelt viel Arbeit vor mir und einfach wirds nicht. Aber ich werd das schaffen. Vielleicht liegts am Wetter oder der Saft heut morgen war schon gegoren, auf jeden Fall glaub ich heut mal ganz fest an mich Wär schön, wenn das Dauerzustand würde*lach* Und in diesem Sinne verabschiede ich mich fürs Erste. Langsam tun mir meine Finger weh und es ist Zeit für Happy-Happa.

9.7.10 15:22

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